KI-Agenten übernehmen: Ist Ihr Job noch sicher?
Die nächste Disruption am Arbeitsmarkt betrifft die Schreibtisch-Jobs. KI-basierte Agenten dürften künftig viele Tätigkeiten übernehmen.Stock-Asso – Shutterstock.com
Drei Jahre nach dem Beben, das ChatGPT auslöste, steht die nächste KI-Disruption an. Ersetzten frühere Technologiewellen vor allem die Jobs in den Fabriken, zielt die aktuelle agentenbasierte KI direkt auf die Schreibtische der hochqualifizierten Knowledge-Worker. Dieses Bild zeichnet zumindest eine aktuelle Studie des Kreditversicherers Coface und des Observatoire des Emplois Menacés et Émergents (OEM).
Für Deutschland hält die Untersuchung eine besonders unbequeme Wahrheit bereit: Das Land der Ingenieure ist im europäischen Vergleich überdurchschnittlich exponiert, was den Ersatz von Tätigkeiten durch KI anbetrifft. Da Deutschland im europäischen Vergleich eine führende Position in der industriellen Forschung und Entwicklung (F&E;) einnimmt, so die Studie, ist der Anteil an Berufen im Bereich „Engineering & Computational“ (Ingenieurwesen und Informatik) rekordverdächtig hoch. In dieser Berufsfamilie gelten etwa 29 Prozent der Aufgabeninhalte als automatisierbar, insbesondere Tätigkeiten wie Programmierung, Modellierung und Simulation, die für die KI ein ideales Terrain sind.
Wenn die KI zum Spezial-Agenten wird
Ihre Prognose begründen die Studienautoren damit, dass KI-Systeme keine bloßen Chatbots mehr sind, die Texte zusammenfassen. Vielmehr seien sie zu Akteuren geworden, die eigenständig komplexe Arbeitsabläufe planen, koordinieren und ausführen können. Während die Industrie 4.0 die Fließbänder automatisierte, greife diese neue Welle nun nach informationsintensiven, analytischen und koordinierenden Tätigkeiten.
So zeige die Analyse von 923 Berufen, das rund jeder achte Broterwerb bereits jetzt ein Automatisierungspotenzial von über 30 Prozent aufweise. Besonders betroffen sind Berufsfelder wie das Ingenieurwesen, IT, Recht, Finanzen und Management–Bereiche, die bisher als Bastionen menschlicher Expertise galten.
Deutschland unter Druck
Deutschland nimmt den Autoren zufolge in dieser Entwicklung eine Sonderrolle ein. Mit einem Anteil von 17 Prozent potenziell automatisierbarer Arbeitsinhalte liegt die Bundesrepublik über dem europäischen Durchschnitt. Den Grund hierfür sehen die Forscher in der DNA der deutschen Wirtschaft und den damit verbundenen Ingenieurs-Clustern, deren Tätigkeiten sich gut für KI eignen.
Zusammen mit Ländern wie Österreich und Tschechien bildet Deutschland ein industriell geprägtes Cluster, in dem viele koordinierende Aufgaben anfallen, die nun agentenbasierten Systemen weichen könnten. Laut der Studie sind folgende Berufsfelder und Tätigkeiten in Deutschland besonders exponiert:
Recht, Finanzen und Management:
Diese Bereiche umfassen viele informationsintensive und koordinierende Aufgaben. Besonders betroffen sind dokumentenintensive Arbeiten wie das Entwerfen von Verträgen oder die Analyse regulatorischer Rahmenbedingungen.
Verwaltung und Bildung:
Auch in der öffentlichen Verwaltung und im Bildungssektor fallen viele Aufgaben an, die durch agentenbasierte KI-Systeme unterstützt oder übernommen werden können.
Kreative Berufe:
Berufe, die sich mit der Produktion von Inhalten wie Design, Animation oder Übersetzungen befassen, weisen ein hohes Automatisierungspotenzial auf.
Forschungsintensive Industrien:
Auf Branchenebene zeigen sich überdurchschnittliche Risiken in der Pharmazie (18 Prozent und der Elektronikfertigung (20 Prozent).
Die neuen „Sicherheitszonen“: Handwerk und Empathie
Doch wer sind die Gewinner dieser Umwälzung? In Deutschland gelten Berufe als am sichersten, die stark an physische Präsenz, manuelle Fähigkeiten oder echte zwischenmenschliche Interaktion gebunden sind. Während die KI-Automatisierung vor allem kognitive und datenbasierte Aufgaben übernimmt, bleiben Tätigkeiten in der physischen Welt und im direkten Umgang mit Menschen vergleichsweise geschützt.
Folgende Berufsfelder und Merkmale kennzeichnen die sichersten Jobs:
Handwerk und körperliche Dienstleistungen:
Tätigkeiten, die eine hohe Fingerfertigkeit, Mobilität und Anpassung an instabile oder unvorhersehbare Umgebungen erfordern, weisen die geringste KI-Exposition auf.
Bau und Instandhaltung:
Bauwesen, Reparaturberufe und Montagearbeiten.
Spezialisierte Fachkräfte:
Berufe wie Metallgießer (0,1 Prozent Automatisierungsanteil) oder Maler und Lackierer (0,25 Prozent) gelten als extrem robust.
Gastronomie und persönliche Dienste:
Köche, Servicekräfte in der Gastronomie und Anbieter persönlicher Dienstleistungen.
Pflege und soziale Berufe:
Berufe, die auf Empathie, Vertrauen, Fürsorge und menschlichem Urteilsvermögen basieren, sind schwer durch KI zu ersetzen.
Pflegesektor:
Krankenpflege, Kinderbetreuung und Altenpflege.
Soziale Arbeit:
Sozialarbeiter für psychische Gesundheit (8,2 Prozent Risiko), Kinder- und Familiensozialarbeiter (9,1 Prozent) oder Sozialarbeiter im Gesundheitswesen (9,4 Prozent).
Therapeutische Berufe:
Aufgaben, die eine therapeutische Präsenz und die ständige Anpassung an einzigartige menschliche Situationen erfordern.
Primärsektor und Sicherheit:
Land- und Forstwirtschaft:
Da diese Berufe stark sensorisch und physisch verankert sind, zählen sie zu den geschützten Bereichen.
Sicherheitsdienste:
Beispielsweise Sicherheitspersonal an Flughäfen, deren Kernaufgaben physischer Natur sind.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Je mehr ein Beruf auf dem physischen Körper oder einer tiefen emotionalen Bindung basiert, desto resilienter ist er gegenüber der aktuellen KI-Welle. Gleichzeitig verliert das klassische Diplom als Garant für Sicherheit an Strahlkraft. In einer Welt, in der KI Wissen in Sekundenschnelle abruft, gewinnen Fähigkeiten wie kritisches Urteilsvermögen, Anpassungsfähigkeit und emotionale Intelligenz an Bedeutung.
Die Konsequenzen dieser Disruption reichen jedoch weit über die individuellen Karrierewege hinaus. Da vor allem hochbezahlte Jobs ins Visier geraten, droht eine massive Umverteilung von Arbeit hin zu Kapital. Wenn immer mehr Wertschöpfung durch KI-Investitionen statt durch menschliche Leistung erfolgt, geraten Steuersysteme, die fast ausschließlich auf Arbeit basieren, unter massiven Druck.
Methodik
Die Studie basiert nicht auf einer klassischen Meinungsumfrage unter Arbeitnehmern oder Unternehmen, sondern auf einer datengetriebenen Analyse von Arbeitsprozessen. So wurde primär die internationale O*NET-Datenbank genutzt. Diese enthält detaillierte Beschreibungen für 923 Berufe.
Die in der Datenbank enthaltenen Informationen über die Häufigkeit und Wichtigkeit einzelner Aufgaben wurden von einem Panel aus Stelleninhabern (incumbent workers) bewertet. Für den internationalen Vergleich wurden diese Daten mittels standardisierter Tabellen (Crosswalks) auf fast 30 europäische Länder sowie weitere Staaten wie die USA und Japan übertragen. Zusätzlich wurden soziodemografische Daten (etwa von Eurostat) einbezogen, um Faktoren wie Bildungsgrad und Einkommen zu berücksichtigen.
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